Eine Erbkrankheit ist eine Erkrankung, deren Ursache in einer Veränderung des Erbguts liegt und die deshalb von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden kann.
Erbkrankheiten reichen von häufigen Stoffwechselstörungen bis zu seltenen genetischen Syndromen. Manche zeigen sich schon bei der Geburt, andere erst im Erwachsenenalter. Dieser Überblick (Stand 2026) erklärt, wie Erbkrankheiten vererbt werden, wie häufig sie sind und mit welchen Verfahren Ärztinnen und Ärzte sie diagnostizieren. Die Grundlagen der Vererbung sind im Beitrag DNA einfach erklärt beschrieben.
Was sind Erbkrankheiten?
Erbkrankheiten entstehen durch Mutationen – also Veränderungen in der DNA. Betroffen sein kann ein einzelnes Gen (monogene Erkrankung), mehrere Gene zusammen oder die Zahl beziehungsweise Struktur ganzer Chromosomen. Liegt die Veränderung in den Keimzellen, wird sie an die nächste Generation weitergegeben. Tritt sie erst im Laufe des Lebens in Körperzellen auf, spricht man dagegen von erworbenen Mutationen.
Insgesamt sind seltene, oft genetisch bedingte Krankheiten in der Summe häufig: In der Schweiz lebt schätzungsweise eine von zwölf Personen mit einer seltenen Krankheit, von denen ein grosser Teil genetische Ursachen hat (Quelle: BAG, 2024).

Autosomal-dominante Vererbung
Bei der autosomal-dominanten Vererbung reicht eine einzige veränderte Genkopie aus, damit die Krankheit auftritt. Ist ein Elternteil betroffen, liegt das Risiko für jedes Kind bei rund 50 Prozent. Typische Beispiele sind die Chorea Huntington und das Marfan-Syndrom, das vor allem das Bindegewebe betrifft.
Autosomal-rezessive Vererbung
Bei der autosomal-rezessiven Vererbung müssen beide Genkopien verändert sein, damit die Krankheit ausbricht. Wer nur eine veränderte Kopie trägt, ist gesunde Trägerin oder gesunder Träger – merkt davon also nichts. Sind beide Eltern Träger, beträgt das Erkrankungsrisiko für jedes Kind etwa 25 Prozent. Hierzu zählen die Mukoviszidose, die Sichelzellanämie sowie viele genetische Stoffwechselerkrankungen. Auch die vererbte Blutarmut der Thalassämie folgt diesem Muster.
X-chromosomale Vererbung
Einige Erbkrankheiten liegen auf dem X-Chromosom. Da Jungen nur ein X-Chromosom besitzen, sind sie bei X-chromosomal-rezessiven Erkrankungen häufiger und schwerer betroffen, während Frauen meist gesunde Trägerinnen sind. Das bekannteste Beispiel ist die Hämophilie, die sogenannte Bluterkrankheit.
Chromosomenstörungen
Nicht jede Erbkrankheit beruht auf einem einzelnen Gen. Bei Chromosomenstörungen ist die Zahl oder Struktur ganzer Chromosomen verändert. Das häufigste Beispiel ist die Trisomie 21 (Down-Syndrom), bei der das Chromosom 21 dreifach vorliegt.
Wie häufig sind Erbkrankheiten?
Einzeln betrachtet sind viele Erbkrankheiten selten. In Europa gilt eine Krankheit als selten, wenn weniger als 1 von 2000 Personen betroffen ist (Quelle: Orphanet/EU-Definition, 2024). Zusammengenommen sind genetisch bedingte und seltene Erkrankungen jedoch weit verbreitet. Manche Krankheiten häufen sich zudem regional oder in bestimmten Bevölkerungsgruppen.
| Vererbungsmuster | Beispiel | Wiederholungsrisiko (typisch) |
|---|---|---|
| Autosomal-dominant | Chorea Huntington | ca. 50 % je Kind |
| Autosomal-rezessiv | Mukoviszidose | ca. 25 % bei zwei Trägern |
| X-chromosomal-rezessiv | Hämophilie | v. a. Söhne von Trägerinnen |
| Chromosomenstörung | Trisomie 21 | altersabhängig |
Diagnose und genetische Beratung
Am Anfang steht oft die Familiengeschichte: Ein Stammbaum zeigt, ob und wie eine Krankheit gehäuft auftritt. Moderne Gentests können die zugrunde liegende Mutation direkt nachweisen. Vor und nach einem solchen Test ist in der Schweiz eine genetische Beratung vorgesehen, in der Fachleute Befunde, Risiken und Konsequenzen einordnen. Auch der Brustkrebs-Risikotest auf BRCA1 und BRCA2 gehört in diesen Rahmen. Die Schweizerische Gesellschaft für Medizinische Genetik (SGMG) bündelt die fachlichen Standards dafür.
Therapieansätze
Erbkrankheiten lassen sich meist nicht ursächlich heilen, aber zunehmend gezielt behandeln. Je nach Krankheit reichen die Ansätze von Diät und Medikamenten über die Substitution fehlender Stoffe bis zu modernen Gen- und Zelltherapien. Wichtig ist eine frühe Diagnose – etwa über das Neugeborenenscreening – damit eine Behandlung rechtzeitig beginnen kann. Heilversprechen sind dabei fehl am Platz; im Vordergrund steht, Symptome zu lindern und Lebensqualität zu erhalten.
Genetische Beratung in der Schweiz
Die genetische Beratung ist in der Schweiz ein eigenständiges, gesetzlich geregeltes Angebot. Fachärztinnen und Fachärzte für medizinische Genetik klären Ratsuchende über Vererbungsmuster, Wiederholungsrisiken und die Aussagekraft von Tests auf. Wichtig ist dabei der Grundsatz der Selbstbestimmung: Niemand muss sich testen lassen, und ein Ergebnis darf nicht zu Nachteilen führen. Die Beratung findet vor und nach einem Gentest statt und bezieht oft die ganze Familie ein, weil ein Befund auch für Verwandte Bedeutung haben kann.
Erbkrankheit ist nicht gleich Schicksal
Eine genetische Veranlagung bedeutet nicht in jedem Fall, dass eine Krankheit zwingend ausbricht oder schwer verläuft. Viele Erbkrankheiten zeigen eine grosse Bandbreite: Manche Betroffene haben nur leichte Beschwerden, andere benötigen intensive Betreuung. Umwelt, Lebensstil und der medizinische Fortschritt beeinflussen den Verlauf zusätzlich. Wer das Vererbungsmuster und die Behandlungsmöglichkeiten kennt, kann gemeinsam mit dem Behandlungsteam fundierte Entscheidungen treffen, statt sich von Halbwissen leiten zu lassen.
Häufige Fragen zu Erbkrankheiten
Sind alle genetischen Krankheiten vererbt?
Nein. Viele genetische Veränderungen entstehen neu (Neumutation) und waren bei den Eltern nicht vorhanden. Vererbt sind nur jene, die in den Keimzellen liegen.
Kann man trotz gesunder Eltern erkranken?
Ja. Bei rezessiven Krankheiten sind beide Eltern oft gesunde Träger, ohne es zu wissen. Erst wenn das Kind von beiden die veränderte Kopie erbt, bricht die Krankheit aus.
Lohnt sich ein Gentest vor der Familienplanung?
Bei bekannten Erbkrankheiten in der Familie kann ein Trägerscreening sinnvoll sein. Eine genetische Beratung hilft, den Nutzen für die eigene Situation einzuschätzen.
Werden Erbkrankheiten in der Schweiz immer behandelt?
Behandlung und Kostenübernahme richten sich nach dem Krankheitsbild und den Vorgaben der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (KVG). Viele Massnahmen sind kassenpflichtig, andere bedürfen einer Einzelfallprüfung.
Fazit
Erbkrankheiten folgen erkennbaren Mustern: autosomal-dominant, autosomal-rezessiv, X-chromosomal oder als Chromosomenstörung. Wer das Vererbungsmuster kennt, versteht Risiken besser. Diagnose und genetische Beratung schaffen Klarheit, und moderne Therapien können den Verlauf vieler Erkrankungen heute günstig beeinflussen.

