Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist eine mehrjährige Heilpflanze, deren standardisierte Extrakte in klinischen Studien eine mit Antidepressiva vergleichbare Wirksamkeit bei leichten bis mittelschweren Depressionen gezeigt haben. Wie stark eine Person auf Johanniskraut anspricht, hängt unter anderem davon ab, welche Varianten ihrer Cytochrom-P450-Gene den Wirkstoffabbau steuern.
| Botanik | Hypericum perforatum, Familie Hypericaceae |
|---|---|
| Wirkstoffklassen | Naphthodianthrone (Hypericin, Pseudohypericin), Phloroglucinole (Hyperforin), Flavonoide |
| Wirkungsprofil | Serotonin-/Dopamin-/Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmung |
| Zulassung CH/EU | Traditionelles pflanzliches Arzneimittel (Swissmedic/EMA): leichte depressive Verstimmung |
| Wichtigste Interaktion | CYP3A4/P-Gp-Induktor – senkt Wirkstoffspiegel vieler Medikamente |
| Genetik-Bezug | CYP3A4, CYP2C9, ABCB1 (P-Glykoprotein) – beeinflussen Wirkspiegel und Interaktionsstärke |
Johanniskraut blüht leuchtend gelb zur Sommersonnenwende – daher der Name. Die Blüten und oberen Blätter werden geerntet und zu Extrakten, Tees oder Ölen verarbeitet. Als Rotertinktur («Johanniskrautöl») ist es äusserlich für Hautpflege bekannt; innerlich sind standardisierte Extrakte bei leichten Depressionen in der Schweiz als Arzneimittel zugelassen.
Wirkstoffe und ihre Funktion
Johanniskraut enthält mehrere Wirkstoffgruppen, die synergistisch zusammenwirken:
- Hyperforin: hemmt die Wiederaufnahme von Serotonin, Dopamin und Noradrenalin; induktiert CYP3A4.
- Hypericin / Pseudohypericin: früher als Hauptwirkstoff angesehen; photosensibilisierend (bei hohen Dosen).
- Flavonoide (Amentoflavon, Hyperosid): antioxidativ; möglicherweise angstlösend.
Anwendungen und Darreichungsformen
- Standardisierte Extrakte: Tabletten/Kapseln mit festgelegtem Hyperforin- oder Hypericin-Gehalt – für depressive Verstimmung (CH: Arzneimittel).
- Tee: geringerer und variabler Wirkstoffgehalt; eher für Stimmungsstimmung und Entspannung.
- Johanniskrautöl (Rotöl): äusserlich für Haut, Muskeln, leichte Wunden – Lichtschutz beachten.
Wichtige Sicherheitshinweise
Johanniskraut ist kein harmloses Hausmittel. Die wichtigsten Punkte:
- Interaktionen: senkt den Blutspiegel von Zyklosporin (Transplantatabstossungsrisiko), Antibabypille (Verhütungsversagen), Warfarin, HIV-Medikamenten und SSRIs. Immer Arzt oder Apotheke informieren.
- Photosensibilisierung: bei heller Haut und hohen Dosen kann Lichtempfindlichkeit auftreten.
- Schwangerschaft und Stillzeit: ungenügende Datenlage; Anwendung nicht empfohlen.
- Nicht bei schweren Depressionen: bei Suizidgedanken immer umgehend ärztliche Hilfe suchen.
Häufige Fragen
Ist Johanniskraut ein echtes Antidepressivum?
In klinischen Studien waren standardisierte Extrakte bei leichten bis mittelschweren Depressionen gleichwertig zu synthetischen Antidepressiva und besser verträglich. Bei schweren Depressionen ist die Datenlage ungenügend – dort braucht es ärztliche Behandlung.
Kann Johanniskraut die Pille unwirksam machen?
Ja. Johanniskraut induziert CYP3A4 und P-Glykoprotein, die den Hormonstoffwechsel beschleunigen. Das kann die Konzentration von Ethinylestradiol und Gestagenen so stark senken, dass der Verhütungsschutz nicht mehr gewährleistet ist. Während der Einnahme zusätzliche Verhütungsmethoden verwenden.
Wie lange dauert es, bis Johanniskraut wirkt?
Wie bei synthetischen Antidepressiva sind meist 2–4 Wochen regelmässiger Einnahme nötig, bevor eine Wirkung spürbar wird.
Kann ich Johanniskraut mit anderen Antidepressiva kombinieren?
Nein – nicht ohne ärztliche Begleitung. Die Kombination mit SSRIs kann ein Serotonin-Syndrom auslösen (Überstimulation des Serotonin-Systems, potenziell gefährlich).
Wie beeinflusst meine Genetik die Wirkung?
CYP3A4- und CYP2C9-Varianten bestimmen, wie schnell Hyperforin und andere Wirkstoffe abgebaut werden. Bei Poor Metabolizern können Wirkspiegel länger erhöht bleiben und Interaktionen stärker ausfallen.
Fazit
Johanniskraut ist die am besten belegte Heilpflanze für leichte depressive Verstimmungen. Die Stärke liegt auch in der Schwäche: Wer Johanniskraut nimmt, muss alle anderen Medikamente kritisch überprüfen – die Enzyminteraktionen sind real und klinisch relevant. Genetische Varianten verstärken diesen Effekt zusätzlich.
Quellen
- Linde, K. et al.: St John’s wort for major depression, Cochrane Database of Systematic Reviews, 2008.
- EMA Monograph: Hypericum perforatum L., herba, HMPC, 2022.
- Tannergren, C. et al.: St John’s wort decreases intestinal absorption of cyclosporin, British Journal of Clinical Pharmacology, 2004.
Redaktioneller Lexikon-Beitrag von gene.ch · informativ, keine Heil- oder Gesundheitsversprechen · zuletzt geprüft 2026.
