Ein Motor am Velo senkt die Trainingsbelastung – aber weit weniger, als die meisten annehmen. Auf einer festen Referenzrunde von 34 Kilometern und 620 Höhenmetern haben wir mit einem Mondraker Dusty RR gemessen, wie sich Puls, Fahrzeit und Energieumsatz je nach Unterstützungsstufe verschieben. Das Ergebnis widerspricht sowohl den Skeptikern als auch den Werbeversprechen.
Der Versuchsaufbau
Gefahren wurde dieselbe Runde viermal innerhalb von zehn Tagen im Juli 2024, jeweils morgens bei vergleichbaren Bedingungen. Fahrergewicht 82 Kilogramm, Herzfrequenz per Brustgurt, Reifendruck und Bekleidung konstant. Als Referenz diente ein Gravelbike ohne Motor mit 9,8 Kilogramm.
Die drei Unterstützungsstufen des MAHLE X20 blieben in der Werkseinstellung. Gefahren wurde jeweils nach Gefühl im gewohnten Tempo, nicht nach Wattvorgabe – also so, wie das Rad im Alltag tatsächlich bewegt wird. Genau darin liegt der interessante Punkt: Menschen fahren mit Motor nicht gleich schnell und weniger anstrengend, sondern schneller und etwas weniger anstrengend.
Der Durchschnittspuls fiel von 148 Schlägen pro Minute ohne Motor auf 133 in Stufe 1, 121 in Stufe 2 und 112 in Stufe 3. Bei einer angenommenen maximalen Herzfrequenz von 185 entspricht das 80, 72, 65 und 61 Prozent. Selbst die höchste Unterstützungsstufe blieb damit im Bereich moderater Belastung.
Was die Forschung dazu sagt
Diese Beobachtung deckt sich mit der publizierten Evidenz. Eine norwegische Vergleichsstudie liess acht Erwachsene dieselben Pendelstrecken mit und ohne E-Bike fahren. Auf der hügeligen Route lag die Belastungsintensität bei 50 Prozent der maximalen Sauerstoffaufnahme gegenüber 60 Prozent auf dem konventionellen Velo. Entscheidend: In beiden Varianten verbrachten die Teilnehmenden 92 bis 99 Prozent der Fahrzeit im Bereich moderater bis intensiver körperlicher Aktivität.1
Ein systematisches Review über 17 Studien mit insgesamt 300 Teilnehmenden fasst den Stand so zusammen: E-Cycling erzeugt körperliche Aktivität mindestens moderater Intensität – niedriger als konventionelles Radfahren, aber höher als Gehen. Für zuvor inaktive Personen gibt es zudem moderate Evidenz, dass E-Bike-Fahren die kardiorespiratorische Fitness verbessert.2
Übersetzt auf unsere Messreihe heisst das: Wer die Wahl zwischen Auto und E-Gravelbike hat, gewinnt mit dem Rad eindeutig Trainingsreiz. Wer die Wahl zwischen Velo und E-Gravelbike hat, verliert etwas – aber deutlich weniger als vermutet.
Der Energieumsatz überrascht
Die auffälligste Zahl der Messreihe ist der Kalorienverbrauch. Ohne Motor schätzte der Radcomputer 1.050 Kilokalorien für die Runde, in Stufe 1 noch 780, in Stufe 2 640 und in Stufe 3 520.
Die niedrigste Unterstützungsstufe kostet also immer noch rund drei Viertel des Energieumsatzes der analogen Runde – bei 16 Minuten kürzerer Fahrzeit. Zwei Faktoren erklären das. Erstens ist das Testrad mit 13,1 Kilogramm gut drei Kilogramm schwerer. Zweitens wird mit Motor schneller gefahren, und der Luftwiderstand steigt überproportional mit dem Tempo.

Wie der Motor als Trainingswerkzeug funktioniert
Aus der Messreihe ergeben sich drei praktische Anwendungen, die über den blossen Fortbewegungszweck hinausgehen.
Grundlagentraining nach Puls. Wer im Grundlagenbereich fahren will, kämpft an Anstiegen regelmässig damit, dass der Puls davonläuft. Mit dem Motor lässt sich die Intensität am Berg deckeln, ohne abzusteigen. Der MAHLE X20 kann die Unterstützung sogar direkt an einen gekoppelten Brustgurt binden.
Umfang statt Intensität. In Stufe 1 sind längere Ausfahrten bei gleicher Belastung möglich. Statt zwei Stunden mit 148 Schlägen sind vier Stunden mit 133 Schlägen realistisch – ein anderer Trainingsreiz mit höherem Gesamtumsatz.
Wiedereinstieg und Regeneration. Nach Krankheit, Verletzung oder längerer Pause erlaubt ein E-Gravelbike, wieder in Bewegung zu kommen, ohne sich zu überfordern. Genau diesen Effekt untersucht eine Pilotstudie mit Menschen mit Typ-2-Diabetes: Die Teilnehmenden wählten von sich aus eine moderate Intensität und zeigten Hinweise auf verbesserte Blutzuckerkontrolle und Fitness.3 Wie stark die individuelle Veranlagung mitspielt, zeigt der Blick auf den Zusammenhang von Sport und Genen.
Grenzen dieser Messung
Diese Zahlen sind Feldmessungen, keine Labordaten. Die Kalorienangaben stammen aus der Schätzung eines Radcomputers auf Basis von Herzfrequenz und Fahrzeit – solche Schätzungen können um 10 bis 20 Prozent daneben liegen. Auch Tagesform, Wind und Temperatur lassen sich im Feld nicht vollständig kontrollieren.
Was die Messreihe dennoch zuverlässig zeigt, ist die Rangfolge und die Grössenordnung der Abstände. Und die deckt sich mit dem, was die kontrollierten Studien berichten. Wer bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat oder nach längerer Pause wieder einsteigt, sollte die Belastungssteuerung trotzdem ärztlich abklären lassen – ein Motor senkt die Intensität, nimmt aber keine Vorerkrankung weg. Für die Versorgung mit Mineralstoffen bei längeren Belastungen lohnt zusätzlich ein Blick auf die Rolle von Magnesium.
Fazit
Der Motor macht aus dem Velofahren keine Autofahrt. Selbst in der höchsten Unterstützungsstufe blieb der Durchschnittspuls bei 61 Prozent der maximalen Herzfrequenz und damit im moderaten Bereich. Der Energieumsatz sank von 1.050 auf 520 Kilokalorien – halbiert, nicht beseitigt.
Für Menschen, die heute mit dem Auto pendeln, ist ein E-Gravelbike deshalb ein sehr wirksames Gesundheitswerkzeug. Für ambitionierte Radfahrende ist es ein Zusatzgerät, das Umfang ermöglicht, wo Intensität nicht mehr sinnvoll ist. Nur wer damit gezielt Velokilometer ersetzt, sollte wissen, dass er dabei Trainingsreiz abgibt.
Häufige Fragen
Trainiert man auf einem E-Bike überhaupt?
Ja. In unserer Messreihe lag der Durchschnittspuls selbst in der höchsten Unterstützungsstufe bei 112 Schlägen pro Minute, also rund 61 Prozent der maximalen Herzfrequenz. Studien zeigen übereinstimmend, dass E-Bike-Fahren körperliche Aktivität mindestens moderater Intensität erzeugt – weniger als Velofahren, aber deutlich mehr als Gehen.
Wie viele Kalorien verbrennt man auf einem E-Gravelbike?
Auf unserer Referenzrunde über 34 Kilometer und 620 Höhenmeter waren es je nach Unterstützungsstufe 520 bis 780 Kilokalorien, ohne Motor 1.050. Die tiefste Stufe kostet damit noch rund drei Viertel des analogen Aufwands. Die Werte sind Schätzungen des Radcomputers und keine Labormessung.
Eignet sich ein E-Bike für den Wiedereinstieg nach einer Pause?
Dafür ist es besonders geeignet, weil sich die Belastung an Anstiegen deckeln lässt, ohne die Tour abzubrechen. Eine Pilotstudie mit Menschen mit Typ-2-Diabetes fand Hinweise auf verbesserte Blutzuckerkontrolle und Fitness. Bei bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollte die Belastungssteuerung vorab ärztlich besprochen werden.
Kann der Motor der Herzfrequenz folgen?
Beim MAHLE X20 ja. Über die Hersteller-App lässt sich ein Zielpulsbereich hinterlegen, an den die Unterstützung gekoppelt wird. Ein gekoppelter Brustgurt ist Voraussetzung. Am gleichmässigen Anstieg funktioniert die Regelung gut, im welligen Gelände reagiert sie mit spürbarer Verzögerung.
Fährt man mit Motor automatisch mehr?
Die Daten deuten darauf hin. Weil Anstiege und Gegenwind ihren Schrecken verlieren, steigt bei vielen Nutzenden die Zahl der gefahrenen Tage. Der entscheidende Gesundheitseffekt entsteht nicht durch die einzelne Fahrt, sondern durch die Regelmässigkeit – 260 moderate Minuten pro Woche entstehen aus drei Pendeltagen fast nebenbei.
Quellen
- Berntsen S. et al.: Physical activity when riding an electric assisted bicycle. Int J Behav Nutr Phys Act 14:55 (2017). DOI: 10.1186/s12966-017-0513-z · PubMed 28446180 ↑
- Bourne J.E. et al.: Health benefits of electrically-assisted cycling: a systematic review. Int J Behav Nutr Phys Act 15:116 (2018). DOI: 10.1186/s12966-018-0751-8 · PubMed 30463581 ↑
- Bourne J.E. et al.: Electrically assisted cycling for individuals with type 2 diabetes mellitus: a pilot randomized controlled trial. Pilot Feasibility Stud 9:60 (2023). DOI: 10.1186/s40814-023-01283-5 · PubMed 37072802 ↑
Studiennachweise recherchiert über PubMed. Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.

