Sondertilgung oder Anlage: wie man den Effekt einer Zusatzzahlung berechnet

Wohnhaus am Waldrand in einer Schweizer Landschaft im Herbst

Ein Bonus, eine Erbschaft, eine ausbezahlte Police: Kommt ausserplanmässig Geld herein, stellt sich bei laufender Finanzierung immer dieselbe Frage – zurückzahlen oder anlegen? Beantworten lässt sie sich nur mit einer Zahl, die kaum jemand im Kopf hat, nämlich dem Zinsbetrag, den die Zahlung in den Folgejahren einspart. Für ein deutsches Baudarlehen kann man dafür auf einer Seite zur Sondertilgung die Annuität berechnen und sieht anschliessend, wie stark eine zusätzliche Zahlung Restschuld und Zinsanteil drückt. In der Schweiz führt die Frage allerdings zu einer ganz anderen Rechnung.

Der Grund liegt im Produkt. Eine Schweizer Hypothek ist kein Annuitätendarlehen. Die von der Finanzmarktaufsicht als Mindeststandard anerkannten Richtlinien der Bankiervereinigung verlangen, die Hypothekarschuld innert höchstens 15 Jahren linear auf zwei Drittel des Belehnungswerts zurückzuführen (Quelle: Schweizerische Bankiervereinigung, 2023). Konstanter Amortisationsbetrag, sinkende Gesamtbelastung – das Gegenteil der gleichbleibenden Rate mit wachsendem Tilgungsanteil. Ein gesetzliches Recht auf vorzeitige Rückzahlung gibt es dabei nicht, denn grundpfandgesicherte Kredite fallen aus dem Konsumkreditgesetz heraus. Was über die Pflichtamortisation hinaus möglich ist, steht im Vertrag.

Vier Zahlen zusammentragen, bevor gerechnet wird

Am Anfang steht eine kurze Aufstellung, egal in welchem Land der Vertrag läuft: aktuelle Schuld, Zinssatz, laufende Amortisation oder Rate und der Termin, an dem die vereinbarte Laufzeit endet. Ohne diese vier Werte lässt sich keine Zusatzzahlung sinnvoll bewerten. Bei mehreren Tranchen gilt das für jede einzeln, weil sie zu verschiedenen Zeitpunkten auslaufen.

Den Effekt einer Zusatzzahlung beziffern

Im zweiten Schritt wird gerechnet. Wie viel eine ausserplanmässige Zahlung bringt, hängt vor allem am Zeitpunkt. Ein Rechenbeispiel aus dem deutschen Markt macht das sichtbar: 300’000 Euro Darlehen, 3,5 Prozent Sollzins, 2 Prozent Anfangstilgung, Rate 1’375 Euro, Gesamtlaufzeit 348 Monate. Eine Sondertilgung von 10’000 Euro im 13. Monat verkürzt die Rückzahlung auf 329 Monate und spart rund 15’800 Euro Zinsen. Dieselbe Zahlung im 240. Monat bringt nur noch rund 3’500 Euro.

Entscheidend ist ausserdem, was vertraglich mit der Rate passiert. Bleibt sie stehen, verkürzt sich die Laufzeit, und die Ersparnis fällt hoch aus. Wird stattdessen die Rate gesenkt, sinkt sie im Beispiel von 1’375 auf rund 1’327 Euro – die Zinsersparnis schrumpft dann auf rund 5’300 Euro. Dieselbe Zahlung, ein Drittel der Wirkung.

Prüfen, was der Vertrag überhaupt zulässt

Bleibt der dritte Punkt, und der ist reine Vertragslektüre. Bei einem deutschen Baudarlehen mit gebundenem Sollzins besteht während der Zinsbindung kein allgemeines Recht auf vorzeitige Teilrückzahlung. Was Bauherren nutzen, ist fast immer eine vertragliche Sondertilgungsoption, üblicherweise fünf Prozent der Darlehenssumme pro Jahr. Ungenutzte Jahresrechte verfallen in aller Regel, statt sich anzusammeln. Steht die Option nicht im Vertrag, gibt es sie nicht.

Auf Schweizer Seite ist die Lage ähnlich vertragsgetrieben, nur mit anderem Vorzeichen: Bei einer Festhypothek ist die Bank bis zum Laufzeitende an ihre Refinanzierung gebunden, weshalb vorzeitige Rückzahlungen regelmässig entschädigungspflichtig sind. Wer einen grösseren Betrag einsetzen will, klärt das vor der Zahlung schriftlich ab, nicht danach.

Was hierzulande an die Stelle der Sondertilgung tritt

Die Schweizer Antwort auf die Frage «tilgen oder anlegen» heisst indirekte Amortisation. Statt die Schuld direkt zu senken, fliesst der Betrag in die Säule 3a oder eine verpfändete Lebensversicherung; die Richtlinien lassen diesen Weg ausdrücklich zu. Die Hypothek bleibt dabei hoch, der Schuldzinsabzug erhalten, das Guthaben wächst separat. Ob sich das lohnt, entscheidet der Vergleich zwischen Hypothekarzins und erwarteter Rendite nach Steuern – bei einem Einlagesatz der Europäischen Zentralbank von 2,25 Prozent und einem Hauptrefinanzierungssatz von 2,40 Prozent im August 2026 (Quelle: Europäische Zentralbank, 2026) ist dieser Abstand klein geworden.

Was die Pflichtamortisation angeht, gibt der Fahrplan wenig Spielraum: Sie beginnt spätestens per Quartalsende zwölf Monate nach der Auszahlung und endet nach höchstens 15 Jahren bei zwei Dritteln des Belehnungswerts. Alles darüber hinaus ist freiwillig und Verhandlungssache.

Häufige Fragen

Wann wirkt eine Sondertilgung am stärksten?

So früh wie möglich. Jede Zahlung senkt die Schuld, auf die künftig Zins läuft; je mehr Jahre danach folgen, desto grösser der Effekt. Im Rechenbeispiel bringt dieselbe Summe im ersten Drittel der Laufzeit gut das Vierfache dessen, was sie im letzten Drittel noch einspart.

Warum kennt die Schweizer Hypothek keinen Tilgungsplan mit wachsendem Tilgungsanteil?

Weil linear amortisiert wird. Der Betrag bleibt konstant, während der Zins auf eine sinkende Schuld läuft; die Gesamtbelastung fällt deshalb von Jahr zu Jahr. Ein deutscher Tilgungsplan zeigt das Gegenteil: konstante Rate, wandernde Zusammensetzung, Restschuld am Ende der Zinsbindung.

Muss der deutsche Kreditgeber vor dem Ende der Zinsbindung etwas mitteilen?

Ja. Nach Paragraf 493 Absatz 1 BGB muss er spätestens drei Monate vor dem Bindungsende erklären, ob er zu einer neuen Zinsvereinbarung bereit ist und zu welchem Satz. Diese Frist ist eine Untergrenze und kein Zeitplan – für Vergleichsangebote bleibt dann kaum noch Luft.

Lohnt sich indirekte Amortisation immer?

Nein. Sie lohnt sich, solange der Steuervorteil plus Rendite über den Kosten der weiterhin hohen Hypothek liegt. Sinkende Hypothekarzinsen verschieben diese Rechnung ebenso wie eine Änderung beim Schuldzinsabzug. Eine Neuberechnung alle paar Jahre gehört deshalb dazu.

Fazit: erst rechnen, dann überweisen

Bevor Geld ausserplanmässig auf ein Kreditkonto geht, gehören drei Punkte geklärt: was der Vertrag erlaubt, ob die Zahlung die Laufzeit verkürzt oder die Rate senkt, und wie viel Zins sie tatsächlich einspart. Erst diese dritte Zahl macht den Vergleich mit einer Anlage möglich. Wer den Betrag stattdessen in die Säule 3a legt, rechnet dieselbe Gegenüberstellung mit Steuereffekt – und prüft alle paar Jahre nach, ob die Annahme noch stimmt. Solche Entscheidungen tragen sich leichter, wenn der Kopf frei ist; wie stark Umgebung und Erholung dabei mitspielen, zeigt ein Blick auf die Wirkung von Waldbaden auf das Nervensystem. Wer zusätzlich prüfen will, wie eine Finanzierung bei Einkommensausfall aussieht, findet die Grundlagen bei der Absicherung gegen Erwerbsminderung.

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