18 Grad. Diese Zahl nennt die Weltgesundheitsorganisation in ihren Housing and Health Guidelines (2018) als Untergrenze für Wohnräume in gemässigten Klimazonen, und sie begründet das mit dem Zusammenhang zwischen kalten Wohnungen und Erkrankungen der Atemwege sowie des Herz-Kreislauf-Systems. Wer im Herbst über Heizkosten nachdenkt, hat damit eine Leitplanke — und eine, die in Ratgebertexten selten auftaucht, weil sie dem Sparimpuls widerspricht.
In der Schweiz stellt sich die Frage ohnehin anders als im nördlichen Nachbarland. Beim Gas fehlt hier die Marktöffnung: Die Eidgenössische Elektrizitätskommission hat in ihrer Stellungnahme vom 17. Dezember 2025 festgehalten, dass es keine Regulierung des Netzzugangs und der Netztarife gibt und ein Versorgerwechsel für Verbraucher deshalb schwierig ist, besonders für kleinere (Quelle: ElCom, Stellungnahme vom 17. Dezember 2025). Ein Haushalt bezieht Gas vom Unternehmen seines Versorgungsgebiets. Der Vertrag als Stellschraube fällt damit weg, und übrig bleibt alles, was mit Verbrauch und Gebäude zu tun hat.
Was beim Herunterdrehen wirklich passiert
Beobachten lässt sich in der Praxis ein wiederkehrendes Muster. Zuerst sinkt die Raumtemperatur um zwei, drei Grad, der Verbrauch geht messbar zurück, und einige Wochen später zeigen sich dunkle Ränder hinter dem Schrank an der Aussenwand. Der Grund dafür ist Physik, nicht Nachlässigkeit: Kalte Luft nimmt weniger Feuchtigkeit auf, und an kühlen Wandflächen unterschreitet sie den Taupunkt. Feuchtigkeit, die eine Wohnung ohnehin produziert — Kochen, Duschen, Wäsche, Atmen —, schlägt sich dann genau dort nieder, wo sie am wenigsten auffällt. Schimmelbefall ist in der Folge kein ästhetisches Problem, sondern ein gesundheitliches.
Warum der deutsche Ratgeber an dieser Stelle abbiegt
Deutsche Beiträge zum selben Thema setzen früher an, weil dort ein zusätzlicher Hebel existiert. Für die Belieferung von Letztverbrauchern sind über 1.100 Gaslieferanten zuständig, im bundesweiten Mittel standen einem Haushalt 2024 rund 108 Lieferanten zur Auswahl (Quelle: Bundesnetzagentur, Monitoringbericht 2025). Wer dort Kosten senken will, kann deshalb Gastarife vergleichen, bevor er über die Raumtemperatur nachdenkt — eine Reihenfolge, die in der Schweiz mangels Wahlmöglichkeit nicht zur Verfügung steht. Kolportierte Angebotszahlen von mehreren tausend Tarifen sind dabei mit Vorsicht zu geniessen: Eine amtliche Tarifzahl gibt es auch in Deutschland nicht.
Der Vergleich lohnt trotzdem, weil er zeigt, was eine Marktöffnung leistet und was nicht. Sie verschiebt den Beschaffungsteil des Preises, und der ist verhandelbar. Netzentgelte, Steuern und Abgaben bleiben auch dort, wo der Wettbewerb funktioniert, unangetastet. Ein Wechsel senkt also einen Teil der Rechnung, nicht die Rechnung. Für Schweizer Haushalte heisst das im Umkehrschluss: Der fehlende Wettbewerb kostet weniger, als es zunächst klingt — der grössere Betrag steckt in der verbrauchten Menge.
Der Schweizer Hebel liegt im Gebäude
Gas spielt hier eine kleinere Rolle als nördlich der Grenze. Ende 2024 zählte die Schweiz rund 1,8 Millionen Gebäude mit Wohnnutzung; 35 Prozent davon wurden mit Heizöl beheizt und 17 Prozent mit Gas, während gut ein Viertel der Einfamilienhäuser mit einer Wärmepumpe ausgestattet war (Quelle: Bundesamt für Statistik, Gebäude- und Wohnungsstatistik 2024). Gasheizungen konzentrieren sich in den Städten. Wer in einem Altbau mit Gasetagenheizung wohnt, gehört also einer Minderheit an, die überdurchschnittlich stark von Brennstoffkosten abhängt.
Ein Teil dieser Kosten ist politisch gesetzt. Auf Brennstoffe erhebt der Bund seit dem 1. Januar 2022 eine CO2-Abgabe von 120 Franken je Tonne CO2, dem gesetzlichen Höchstsatz; für Erdgas in gasförmigem Zustand nennt die CO2-Verordnung 321.60 Franken je 1.000 Kilogramm (Quelle: CO2-Verordnung, Anhang 11, Stand 1. Januar 2026). Der Tarif knüpft an Masse an, nicht an Kilowattstunden. Jede Angabe in Rappen je Kilowattstunde ist deshalb eine eigene Umrechnung über Heizwert und Dichte — und sollte im Text auch so gekennzeichnet sein.
Was wirkt, ohne dass es kalt wird
Die grössten Effekte entstehen dort, wo Wärme erzeugt, aber nicht genutzt wird. Ein Heizkörper hinter einem Sofa gibt seine Wärme an die Rückenlehne ab. Ein Thermostatventil, das seit zwanzig Jahren klemmt, regelt nichts mehr. Vorhänge, die über den Heizkörper fallen, erzeugen einen Hitzestau, den der Fühler als Zieltemperatur missversteht. Solche Punkte kosten nichts ausser einem Nachmittag, und sie senken den Verbrauch, ohne dass jemand friert.
Danach folgt die Feinjustierung im Betrieb. Eine Nachtabsenkung von wenigen Grad spart Energie, ein vollständiges Auskühlen dagegen nicht, weil das Aufheizen die Ersparnis auffrisst und die Wandtemperatur weiter sinkt. Statt gekippter Fenster mehrmals täglich kurz querlüften: Das tauscht die feuchte Luft aus, ohne die Bausubstanz auszukühlen. Wer viel draussen unterwegs ist, empfindet 20 Grad im Wohnraum ohnehin anders — welche Wirkung regelmässige Aufenthalte im Wald auf das Nervensystem haben, ist an anderer Stelle beschrieben.
Ein Hygrometer für wenige Franken macht den unsichtbaren Teil sichtbar. Als Zielkorridor gilt in Wohnräumen eine relative Luftfeuchtigkeit von etwa 40 bis 60 Prozent; klettert der Wert dauerhaft darüber, stimmt entweder die Lüftung nicht oder die Wandtemperatur ist zu tief. Aufgestellt wird das Gerät sinnvollerweise nicht mitten im Raum, sondern in der Nähe der kritischen Aussenwand. Zwei Wochen Ablesen genügen meist, um zu erkennen, ob das eigene Sparprogramm die Bausubstanz belastet oder nicht.
Wenn der Heizungsersatz ansteht
Bei einer Anlage jenseits der zwanzig Jahre verschiebt sich die Rechnung. Dann geht es nicht mehr um Prozente beim Verbrauch, sondern um den Energieträger selbst — und die Statistik zeigt, wohin sich der Schweizer Bestand bewegt: Jeder fünfte Haushalt heizt inzwischen mit einer Wärmepumpe. Kantonale Förderprogramme und die Anforderungen der Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich bestimmen dabei den Rahmen, und beides unterscheidet sich von Kanton zu Kanton. Vor jeder Ersatzentscheidung lohnt deshalb ein Blick auf die kantonalen Bedingungen, nicht auf allgemeine Faustregeln aus dem Netz.
Fazit: erst messen, dann drehen
Sinnvoll ist eine feste Reihenfolge. Erstens den eigenen Verbrauch aus der letzten Abrechnung heraussuchen und notieren, zweitens Thermostate, Heizkörper und Lüftungsgewohnheiten prüfen, drittens die Raumtemperatur differenzieren statt pauschal absenken — im Wohnraum wärmer, im Schlafzimmer kühler, nirgends dauerhaft unter 18 Grad. Ein Anbieterwechsel steht in dieser Liste nicht, weil er hier nicht zur Verfügung steht. Im Sommer dreht sich die Frage übrigens um, wenn Hitze dem Körper zusetzt und der Elektrolythaushalt ins Wanken gerät.
Häufige Fragen
Wie kalt darf eine Wohnung im Winter werden?
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für gemässigte Klimazonen mindestens 18 Grad in Wohnräumen. Kühler darf es im Schlafzimmer sein, sofern die Feuchtigkeit im Griff bleibt. Dauerhaft ausgekühlte Räume mit kalten Aussenwänden sind der Ausgangspunkt für Schimmel, und der belastet die Atemwege deutlich stärker, als ein Grad mehr auf der Rechnung ausmacht.
Kann ich in der Schweiz meinen Gasanbieter wechseln?
Als Haushalt nicht. Es fehlt ein Gasversorgungsgesetz mit reguliertem Netzzugang, und die ElCom hat 2025 festgehalten, dass ein Versorgerwechsel deshalb schwierig ist. Ein Entwurf für ein Bundesgesetz über die Gasversorgung sieht ein Wechselrecht vor, befindet sich aber noch im Gesetzgebungsverfahren.
Wie viel bringt eine Absenkung um ein Grad?
Eine seriöse Pauschalzahl dafür gibt es nicht, weil das Ergebnis von Dämmstandard, Anlagentechnik und Nutzung abhängt. Belastbar ist nur die eigene Messung: Zählerstand notieren, Verhalten ändern, nach einigen Wochen erneut ablesen und die Werte auf vergleichbare Aussentemperaturen beziehen.
Warum steigen die Kosten, obwohl weniger geheizt wird?
Weil ein Teil des Preises nicht an der Menge hängt. Die CO2-Abgabe von 120 Franken je Tonne wirkt auf jede verbrannte Einheit, und Grundpreise laufen unabhängig vom Verbrauch weiter. Sinkt zudem die abgesetzte Gasmenge im ganzen Versorgungsgebiet, verteilen sich die festen Netzkosten auf weniger Kilowattstunden.

